Selbstbestimmt leben - die Geschichte eines jungen behinderten Mannes aus Österreich

De-institutionalisierung in Österrreich. Jochen Baumschlager tauschte einen Platz in der 500 Betten Einrichtung gegen eine eigene Wohnung. Lyssna-MP3-svensk (30:56 minuter, 29 MB), Lyssna-MP3-deutsch (28:49 minuter, 27 MB). Internet publication URLs: www.independentliving.org/radio/jochen-baumschlager.mp3, www.independentliving.org/radio/jochen-baumschlager-de.mp3, www.independentliving.org/radio/jochen-baumschlager-sv.html, www.independentliving.org/radio/jochen-baumschlager-en.html, www.independentliving.org/radio/jochen-baumschlager-de.html

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Gestaltung: Peter Rudlof
Redaktionelle Begleitung: Wolfgang Mizelli
Sprecherin: Doris Rudlof-Garreis
Musik: Martin Moro und Hannes Urdl

 

Musik: „Circles“ (Martin Moro)

Originalton (OT) Jochen: "Na, es ist so, ich wohn jetzt seit zwei Jahren in meiner eigenen Wohnung und die Situation hat sich eben dahingehend total gebessert, dass ich jetzt praktisch ein völlig unabhängiges Leben führen kann,“

Sprecherin: SELBSTBESTIMMT LEBEN

OT Jochen weiter: „dass ich zum Beispiel private Treffen mit Freunden zum Beispiel so wahrnehmen kann, so wie ich des gerne möchte,“

Sprecherin: DIE GESCHICHTE EINES JUNGEN BEHINDERTEN MANNES AUS ÖSTERREICH

OT Jochen weiter: „und dass es da eben keine Einschränkungen gibt, weil mir eben ein Assistent eben rund um die Uhr, eins zu eins zur Verfügung steht,  und das ist natürlich ein wesentlicher Gewinn in der persönlichen Freiheit.“

OT Christian: "Hut ab, ich hätt' mir des wahrscheinlich net so traut".

Sprecherin: Christian Pani, ein Freund Jochens.

OT Christian weiter: "weil es ist doch sehr viel am Spiel gestanden, geht's über die Bühne, oder geht’s nicht über die Bühne, so wie mir des der Jochen halt immer geschildert  hat, es gibt nur eine Möglichkeit, das rauszufinden, es zu versuchen, und er hat’s gemacht, und es ist bis jetzt gut gegangen."

OT Bruder: "Es war etwas Neues für uns."

Sprecherin: Franz Farkas, der Bruder von Jochen

OT Bruder weiter: "und umso mehr hat es mich dann nachher auch gefreut, net, dass es auch funktioniert hat, und dass es für ihn jetzt so geworden ist, wie er es sich damals erhofft hat, net?“

OT Beamter: "Na begonnen hat es eigentlich damit, dass ich kontaktiert worden bin."

Sprecherin: Dr. Gerold Schwann, leitender Beamter des Landes Steiermark in Pension.

OT Beamter weiter: "Wieweit, oder ob man überhaupt dem Jochen Baumschlager helfen kann in seiner ganz besonderen Situation, und das hat sich dann sehr rasch herausgestellt, mit den schon bestehenden Möglichkeiten im Gesetz ist es so ohne weiteres jedenfalls nicht möglich."

Sprecherin: Selbstbestimmt leben,  eine eigene Wohnung zu haben und die für den Alltag notwendige persönliche Assistenz zu bekommen, das  ist in Österreich für erwachsene behinderte Menschen noch nicht selbstverständlich. Es gibt zwar ein einkommensunabhängiges Pflegegeld, das ist aber nur eine pauschale, sehr niedrige Abgeltung für notwendige Assistenzkosten. Für wirklich selbstbestimmtes Leben reicht es nicht aus. Viele  erwachsene Menschen mit hohem Assistenzbedarf  in Österreich leben deshalb daheim bei den Eltern  oder in Einrichtungen, die vom Staat mit Tagsätzen finanziert werden.

OT Jochen: "Also ich brauch 24 Stunden am Tag Assistenz, weil ich eben aufgrund meiner Muskelkrankheit eben nicht in der Lage bin, eben gewisse Tätigkeiten jetzt, körperliche Tätigkeiten, selbst zu verrichten. Ich brauch jemanden in der Früh, um aus dem Bett zu kommen, Morgentoilette, anziehen - wenn ich einmal im Rollstuhl sitz, bin ich zwar auf den ersten Blick relativ mobil, weil des ein elektrischer Rollstuhl ist, der leicht zu bedienen ist, aber wie gesagt, ich brauch auch bei der Einnahme von Mahlzeiten Hilfe und wenn ich was trinken möchte, selbst, wenn ich in den Computer einsteigen möchte, muss ich natürlich den Assistenten bitten, dass er das macht, oder bitten, ist jetzt der falsche Ausdruck, dann muss ich den Assistenten beauftragen, dass er mich dahingehend assistiert und des geht dann eigentlich so weiter, es ist am Abend beim Schlafengehen dasselbe, mit Rausheben, ins Bett heben, selbst in der Nacht brauche ich Hilfe, weil da eben in der Nacht immer umgelagert werden muss, weil ich nicht so lange auf einer Stelle liegen kann - und jetzt sind wir eh schon bei 24 Stunden."

Sprecherin: Der 34 jährige Jochen Baumschlager ist einer von rund 330 000 Menschen in Österreich, die Pflegegeld beziehen. Wieviel jemand bekommt, richtet sich nach dem Assistenzbedarf. Es gibt sieben Stufen. Mit einem  Assistenzbedarf bis zu 50 Stunden kommt man  in Stufe 1 und erhält 145 Euro pro Monat.  Für Stufe 7 sind mindestens 180 Stunden Assistenzbedarf pro Monat notwendig. Das Pflegegeld beträgt in Stufe 7 1500 Euro pro Monat. Jochen Baumschlager befindet sich  mit seinem Assistenzbedarf in der höchsten Stufe. Weil Jochen Baumschlager 24 Stunden pro Tag Assistenzleistungen brauch, reicht das Pflegegeld nicht aus. Trotzdem ist es Ihm gelungen, aus einer vorgezeichneten Bahn im Pflegeheim auszubrechen und sich sein Leben selbstbestimmt gestalten zu können.

OT Jochen: "Also ich hab 19 Jahre in einem großen Behindertenheim gelebt, wo ich zuerst im Schulheim war, also im Internat, dann eben eine achtjährige Berufstätigkeit hinter mich gebracht hab, und dann in einer Wohngruppe mit mehreren anderen behinderten Mitbewohnern gewohnt hab, und weil eben mein Behinderungsgrad ziemlich hoch ist, und ich ziemlich viel körperliche Hilfe jetzt brauch, war das natürlich schwierig, weil des oft von den Betreuern her manche Sachen nicht möglich waren, wenn ein Personalmangel war durch Krankenstände usw. , und ich dann einfach immer drauf angewiesen war, dass jemand da ist, der mich irgendwo hinführt, dann hat es manchmal Leute gegeben, die keinen Führerschein gehabt haben, das was eine weitere Einschränkung ergeben hat. Es war zwar so, dass wir meistens Zivildiener gehabt haben, die so Fahrtendienste usw. übernommen haben, aber es war hat einfach immer..., also man hat nie spontan was unternehmen können, sondern musste des immer vorplanen."

OT Christian: "Früher hat man den Jochen immer fragen müssen, ob er Zeit hat, dann hat er gesagt ja, er muss einmal nachschauen, ob wer da ist. Im Gegensatz zu heute, da kommt es drauf an, ob er will oder net, und das ist der große Unterschied, jetzt geschehe sein Wille und nicht ein anderer Wille, und es ist auch, wenn man zu ihm kommt, eine private Atmosphäre,  früher war's eben nicht so, da bin ich einfach zu ihm ins Heim kommen, und des war einfach, das war halt das Heim und das war nicht seine Heimat, und jetzt gehe ich wirklich zu ihm heim, und das ist halt der große Unterschied - private Atmosphäre - und ich hab noch einen anderen Freund in einem Heim, und da sehe ich eben ganz deutlich den Unterscheid, zwischen Jochen und dem anderen Freund, wenn man was ausmachen will. Er kann nicht, wenn er will, und der Jochen will und ist nicht angewiesen auf andere Personen, die ihm helfen, weil er hat einfach immer wen da."

OT Bruder: „Die jetzige Lebenssituation bei ihm ist so, dass ich es so empfinde, dass er total frei ist bei den Entscheidungen, die er kurzfristig plant. Das finde ich vor allem toll, dass er, wenn es darum geht, in einem kurzfristigen Zeitraum was auszumachen, dann braucht er nicht lange überlegen, wie schaut der Dienstplan aus, wer kann ihm dabei helfen, irgendwo hinzukommen, es ist nahezu, würde ich einmal sagen, angeglichen an ein normales - unter Anführungszeichen - Leben eines Nichtbehinderten. Er ist mobil, er ist - ja in der Hinsicht einfach nimmer so eingeschränkt."

OT Christian: „Eine besondere Verbesserung zu der Situation vorher ist einfach die , dass man eben privat Leute einladen kann und sich eben nicht ständig irgendwie sich auf irgendeine Art und Weise beobachtet fühlt oder mit Fragen konfrontiert wird zu den Leuten, die einem eben besuchen kommen. Früher war es immer so - wenn ich zum Beispiel - das möchte ich jetzt wirklich sagen - wenn ich zum Beispiel Frauenbesuche erhalten habe, da ist sofort dann zum Thema geworden, wer ist das, warum mich, und so weiter und sofort,  des ist einfach eine Sache, die zum Intimbereich gehört, und über die man nicht mit jedem reden möchte, und diese Fragen gibt es eben jetzt nimmer, weil jetzt kann mich besuchen, und ich kann einladen, wen ich will, ohne irgendwelche Fragen."

Musik: „Five Steps“ (Hannes Urdl)

OT Jochen: "Den Wunsch eben aus dem Heim auszuziehen, und in einer eigenen Wohnung zu leben, den hab ich schon mit 20 Jahren ungefähr gehabt, da habe ich aber irgendwie nicht noch so irgendwie den Druck für mich selber verspürt, dass ich jetzt raus muss, das war wie gesagt, einmal besser, einmal schlechter, also ich habe mich einmal besser, einmal schlechter gefühlt mit der Situation und nach meiner USA-Reise wo ich im Jahr 2000 eben in den USA war, habe ich eben gemerkt, wie cool des sein kann, in einer eigenen Wohnung zu wohnen, und von dem Zeitpunkt war mir klar, dass ich einfach raus muss. Dann hab ich alle Hebel in Bewegung gesetzt und angesprochen auf das Risiko, das ich eingegangen bin: Es war riskant, aber es war kalkulierbar, weil ich doch einige Leute gehabt habe, die sich da ziemlich eingesetzt haben für mich, und die mir im Notfall auch geholfen hätten, wenn da irgendetwas schief gegangen wäre."

OT Christian: „Der Jochen hat einfach das Glück gehabt, dass er so einen Bruder hat, und der sich immer wieder für ihn eingesetzt hat und der Jochen auch so hartnäckig ist und an seinem Plan festgehalten hat, sonst wäre das wahrscheinlich eh nicht gegangen, weil ich kann mir vorstellen, dass Behörden sich eben ganz gut aus der Affäre ziehen können und sagen, nein es geht einfach nicht, weil es eben kein Gesetz dazu gibt, weil es eben Großinstitutionen gibt, die das anbieten und warum sollen wir da was ändern. Aber sie kennen nicht die Situation in einem Heim, wenn man nicht selber drinnen ist, so sehe ich des und ich glaub auch, dass es so ist."

OT Bruder: „Ja die größten Hürden waren die für uns in unserer Situation, dass wir - naja wie immer halt im Leben ist es die Finanzierung dessen, der Situation wie er sie eben jetzt hat. Eineinhalb Jahre in etwa haben wir an Vorbereitung gebraucht, um eben Kontakt aufzunehmen mit Behörden und anderen auch, damit wir eben die finanzielle Absicherung in die Richtung haben, damit das dann auch wirklich funktioniert, net"

OT Beamter: "Soweit ich mich erinnern kann, und da muss ich jetzt etwas einschränken, war’s dann so, dass man sich überlegt hat, was kostet ein weiterer Heimaufenthalt, der für Jochen Baumschlager nicht unbedingt das Ideale war, und welche andere Lösung ist zumindest nicht teurer, und man hat dann eine Lösung gefunden, eben soweit ich mich erinnere, außerhalb des Hauses, wo Betreuungskosten übernommen werden können, die in Summe gesehen, nicht die Höhe der Betreuungskosten einer internen oder Heimbetreuung erreichen und die einzige Schwierigkeit bestand dann eigentlich nur noch darin, das auch im bestehenden Gesetz abzudecken."

OT Jochen: "Das billiger Fahren war einfach eine taktische Finte von uns, dass man einen zusätzlichen Anreiz bietet, aber ich habe bei den meisten zuständigen Damen und Herren, also mit denen wir in Verbindung waren, eigentlich schon das Gefühl gehabt, dass sie des verstehen, dass man nach 20 Jahren in einem großen Heim vielleicht einmal einen Tapetenwechsel benötigt."

OT Beamter: "Es waren unterschiedliche Meinungen, kann man, glaube ich sagen, nämlich innerhalb eines einzigen Beamten sogar, einerseits war jedem völlig klar, dass es neue Betreuungsformen braucht, das haben wir seit einigen Jahren schon bemerkt, und durch verschiedene Ereignisse ist das immer wieder verstärkt worden, und auf der anderen Seite hat es dann natürlich auch geheißen, ja aber das geht ja nicht mit dem bestehenden Gesetz, also können wir es nicht machen. Es war sowohl beides, die Notwendigkeit hat man an sich eingesehen, und hat aber gleichzeitig gesehen, dass eine Möglichkeit - ganz glasklar zumindest - nicht besteht. Das war auch der Grund, dass man dann versucht hat, durch verschiedene Hilfskonstruktionen doch noch zu einer Lösung zu kommen, um dem behinderten Menschen eben helfen zu können. gleichzeitig hat man aber gewusst, das ist eine Notlösung, und das kann über längere Sicht nur ein neues Gesetz diese Betreuungsformen dann genau beschreiben  und dann erst wird man dorthin kommen, wo man eigentlich hin möchte."

Sprecherin: Die derzeit geltende Gesetzeslage lässt es in Österreich noch nicht zu, dass Taggelder für Assistenzleistungen, die über das Pflegegeld hinausgehen, direkt an die betroffenen Personen ausbezahlt werden. Einzige Ausnahme ist das Bundesland Wien, dort gibt es eine solche Direktzahlung, die ist aber pauschaliert und kann den  tatsächlichen benötigten  Assistenzbedarf auch nicht abdecken.  Bei Jochen Baumschlager werden diese Assistenzleistungen über einen Verein abgewickelt. "Care for you", heißt dieser Verein.

OT Jochen: "Na es ist so, wir haben eben da einen Assistenzverein gegründet, auf meine Initiative hin ist der dann von meinem Bruder und von einigen Leuten, die uns beraten haben, initiiert worden. Der Tagesablauf läuft so ab, dass ich eben fünf Assistenten zur Verfügung habe, mit denen man also einen Dienstplan erstellt, der immer über ein Monat lauft. Und je nach den Wünschen der Assistenten, weil das sind teilweise Studenten und haben halt gewisse UNI-Tage, der ist zum Beispiel nur Mittwoch, Donnerstag, Freitag da, den Rest ist er dann auf der Uni, da mach ich mir immer so einen Monatsdienstplan im Vorhinein.“

Sprecherin: Jochen Baumschlager erstellt die Dienstpläne selbst am Computer und spart dadurch administrative Kosten. Auch in der Ausbildungsqualität seiner Assistenzpersonen kann er flexibel sein.

OT Jochen: "Eine günstigere Finanzierung ist auch dadurch möglich, dass wir ja bei unserem Verein kein pädagogisch ausgebildetes Fachpersonal benötigen, sondern einfach einen Assistenten, oder Assistenten, die die Sachen, die ich benötige,  eigentlich ganz gleich checken können für mich. Das heißt, nachdem das eben Handgriffe sind, die ganz speziell jetzt auf meine Situation angepasst werden müssen, beim Heben usw. , usf, hängt's einfach davon ab, wie ich  jemanden einschule, ob das dann passt oder nicht, und ein  pädagogisches Fachpersonal ist für mich ja net notwendig."

Musik: „Circles“ (Martin Moro)

OT Jochen: „Bei unserem Verein ist es so, dass der Betroffene, oder der Kunde in dem Fall, also der behinderte Mensch,  selber seine Betreuer aussuchen kann, weil der muss mit denen einfach  eine ziemlich lange Zeit pro Tag einfach verbringen und wenn des Verhältnis da einfach nicht passt, das Zwischenmenschliche, dann ist das sicherlich problematisch, deshalb kann ich die Betreuer selbst aussuchen, Assistenten in dem Fall."

OT Jochen: "Ja eben ein kurzer Kostenvergleich - vorher und wie es jetzt ist. Jetzt ist es so. dass die vorherige Unterbringung in dem Heim die Behörde 190 Euro am Tag eben gekostet hat, und jetzt ist es so, dass es die Behörde ca. 150 Euro kostet. Das geht aber nur deshalb, weil wir bei unserem Verein gewisse Privatinitiativen eben auch machen, wo wir eben Sponsormittel auftreiben, um das selber zu unterstützen, weil  uns das unabhängige freie Leben eben auch sehr wichtig ist, und, in die Richtung arbeiten wir auch."

Sprecherin: Ungefähr 20 Prozent der Kosten für sein selbstbestimmtes Leben muss Jochen Baumschlager  über private Unterstützung aufbringen. Weil er eine 24-Stunden Assistenz pro Tag braucht, kommt er auf über 700 Stunden Bedarf  im Monat. Ein gefinkeltes Mischsystem an angestellten und freien Mitarbeitern macht es möglich, für die Stunde im Schntt nur rund 8 Euro aufwenden zu müssen. So kann Jochen Baumschlager 180 Assistenzstunden  aus dem Pflegegeld finanzieren, rund 380 Stunden bekommt er über den Verein “Care for you", den Rest von 140 Stunden  muss er ehrenamtlich oder über Sponsoring organisieren.

Musik: „Circles“ (Martin Moro)

OT Jochen: "Meine Volksschulzeit habe ich in der Obersteiermark absolviert, da habe ich die ersten vier Jahre Volksschule in einer ganz normalen, öffentlichen Schule eben gemacht, ein Jahr Hauptschule dann noch dazu, dann war leider die Situation so, dass ich eben durch meine Behinderung immer mehr Mobilität verloren habe, und ich bin dann nach Graz runterkommen, wo ich meine Hauptschule fertiggemacht habe, dann einen Polytechnischen Lehrgang in der - eben im Rahmen dieser Einrichtung hat es eine Schule gegeben, und da habe ich die restlichen Schuljahre eben absolviert. Nach dem Absolvieren meiner Schulpflicht habe ich eben die Möglichkeit bekommen, in einem Büro eine Bürotätigkeit anzunehmen, einen Bürojob und das konnte ich dann acht Jahre ausüben, den Beruf. Die körperliche Situation hat es dann nicht mehr erlaubt, deshalb bin ich dann nach acht Jahren in Frühpension gegangen."

Musik: „Circles“ (Martin Moro)

OT Jochen: "Was mach ich gerne, also ich... Kino ist zum Beispiel ein Hobby von mir - ich habe schon ziemlich viel Zeit in Kinosäalen verbracht, dann bin ich sehr sportinteressiert, ansonsten schaue ich eben, dass ich die Tätigkeiten, die ich im Verein machen kann, das Beraten von anderen Betroffenen, das nimmt auch ziemlich Zeit in Anspruch für mich. Also früher war Reisen eine große Leidenschaft von mir, aber nachdem ich schon ziemlich viel herumkommen bin, bin ich von dem ein bissl weggekommen und beschäftige mich auch mit anderen Sachen ziemlich gern. Das Internet ist so ein Thema, das mich sehr interessiert und ich bin für alle Themen offen.

OT Christian: "Es gibt durchaus Leute, die ihn beneiden und die ihm nacheifern, aber die haben halt nicht, ich würde einmal sagen, vielleicht nicht die Hartnäckigkeit, und den Hintergrund und die Hilfe, die der Jochen gehabt hat, und die haben es ein bisschen schwerer. Und auch nicht die Behörde - es ist ja leider so bei uns, dass es auf die Behörde auch draufankommt, ob die das mit durchzieht oder nicht, weil es eben für das was der Jochen durchgezogen hat, nicht wirklich eine Regelung gibt, sondern eine Sonderregelung, und des es eben das Problem."

OT Beamter: "Na ja gut, mein Anteil hat im wesentlichen darin bestanden, dass ich eben die Verbindungen hergestellt habe mit den einzelnen Beteiligten, das war einerseits Jochen Baumschlager persönlich, das war natürlich auch der Trägerverein, bei dem er gewohnt hat zu dem Zeitpunkt, es war auch die Bezirkshauptmannschaft Liezen, die auch teilweise Zahler ist, man hat also da versucht, auszuloten, was geht eventuell und was ist möglich und dann natürlich war ich schon sehr stark daran interessiert, eine Lösung zu finden, muss ich schon sagen, und es ist halt dann auch gelungen durch Gespräche, die Bezirkshauptmannschaft davon zu überzeugen, dass sie günstiger, nämlich finanziell günstiger aussteigt und finanzielle Anreize sind bekanntermaßen immer angenehm, also wenn man das so verkaufen kann, dann funktioniert es üblicherweise. Das Einzige, worauf man halt dann schauen muss, dass man es doch  im Behindertengesetz so einigermaßen zur Deckung bringen kann, weil sonst hat man vielleicht selbst Schwierigkeiten, die habe ich für mich persönlich bewusst in Kauf genommen, muss ich dazu sagen, es war nicht das erste Mal das so was passiert ist, in ähnlicher Weise, dass man irgendwo etwas gemacht hat, wo man gesagt hat, naja es ist grenzwertig, und wenn jemand bösartig wäre, dann hätte ich also höchstwahrscheinlich Schwierigkeiten damit, aber dann müsste man wahrscheinlich so agieren, dass man sagt, was wollen wir eigentlich, wollen wir Behinderten helfen oder wollen wir streng am Gesetz leben und da stehe ich also auf dem Standpunkt, gerade Behindertengesetz muss etwas lebendiges sein und bleiben und infolgedessen kann ich nicht ganz sturheil diese Buchstaben hernehmen und auslegen, sondern ich muss also auch schauen, was kann ich mit diesem am Gesetz wirklich noch alles machen, was  vielleicht vorher gar nicht gedacht war.“

OT Christian "Der Jochen ist für mich a sehr starke Persönlichkeit, a großes Vorbild was Durchsetzungsvermögen anbelangt, also da ist er wirklich sehr hartnäckig zu ihm selbst und auch zu den anderen. Ich würde mich nicht soviel kümmern um andere  - also so wie er.  Also er schaut da wirklich, dass man am Ball bleibt und dass was weiter geht. Also das muss man ihm lassen, das kann er, und er ist einfach ein Typ, auf den man sich 100% verlassen kann auch, in einer jeden Lebenslage, was Geheimnisse betrifft, einfach alles, er ist ein toller Freund."

OT Jochen: "In einem speziellen Fall merke ich das, wo eben ein Freund von mir, der eben noch in einer großen Institution wohnt, jetzt auch die großen Bestrebungen, also den großen Wunsch, das große Ziel hat, rauszukommen, und da lauft eben grad ein Versuch über unseren Verein so ein zweites Projekt auf die Beine zu stellen"

OT Bruder: "Na ja die Einstellung bei mir ist die, dass- und das haben wir eben bei uns gesehen-dass im Prinzip nix von vornherein unmöglich ist. Man sollte also sehr wohl, oder relativ genau die Wünsche, Hoffnungen der Leute, die sie artikulieren, prüfen.“

Sprecherin: Franz Farkas, der Bruder von Jochen

OT Bruder weiter: „Nicht von vornherein sagen, es gibt also in Österreich jetzt nur die Möglichkeiten, mit denen müssen wir auskommen, sondern dass es sehr wohl gescheit ist, sich auch andere Dinge genau durchzuüberlegen."

OT Beamter: "Und wenn ich jetzt rückwirkend schau, dann muss ich sagen, die Entscheidung war wahrscheinlich richtig,

Sprecherin: Dr. Gerold Schwann, leitender Beamter des Landes Steiermark in Pension.

OT Beamter weiter: „wenn' s dem Jochen Baumschlager heute besser geht als damals, dann freut mich das außerordentlich und ich muss sagen, diese Lösung, auch wenn sie einmalig ist, war gerechtfertigt."

Sprecherin: Jochen Baumschlagers finanzielles System für sein selbstbestimmtes Leben setzt sich aus Tagsätzen des Landes Steiermark an den Verein  Care for you, aus Pflegegeldzahlungen und aus privater Unterstützung zusammen. Eigeninitiative, Mut und dieBereitschaft der Behörden ließen ihn eine Vorreiterrolle gehen, die rechtlich und finanziell gesehen noch eine Gratwanderung ist. Die aber vielleicht dazu beiträgt, dass Assistenz in Österreich in Zukunft ganz regulär und zu marktüblichen Tarifen von alles in allem 25 Euro Stundenkosten finanziert werden kann.
 
OT Jochen: „Also Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und ich versuch schon da ziemlich diplomatisch vorzugehen, aber an und für sich, das Feedback, das ich von den Leuten bekomm, ist eigentlich immer positiv, muss ich sagen.

Sprecherin: Selbstbestimmt Leben

OT Jochen weiter: Die Leute brauchen natürlich ihre Zeit, und irgendwie ist ein Erklärungsbedarf da, aber wenn sie ein bissl was über das Leben von einem Behinderten erfahren, dann ändert sich die Meinung oft ziemlich schnell ins Positive.“

Sprecherin: Die Geschichte eines jungen behinderten Mannes aus Österreich

OT Jochen weiter: „Ja es geht vor allem darum, wenn es um finanzielle Beträge geht, die - wie soll ich sagen - die Assistenz usw. ist natürlich ein Punkt, der Kosten verursacht, und wenn Leute nicht genau wissen, wie so die Situation ist, dann könnte das irgendwie sehr bald in eine falsche Richtung gehen, dass man sagt, die Behinderten kriegen eh so viel Geld vom Staat,..

Sprecherin: Gestaltung Peter Rudlof

OT Jochen weiter: „und es ist so, dass ich jetzt lieber nicht zuviel Information weitergebe,..

Sprecherin: Redaktionelle Begleitung: Wolfgang Mizelli

„..weil es kann einfach durch Unwissenheit oft passieren, dass eine Information falsch interpretiert wird..“

Sprecherin: Sprecherin Doris Rudlof-Garreis

„..und dann genau das Gegenteil bewirkt,  was man eigentlich damit bewirken will."

Sprecherin: Musik Hannes Urdl und Martin Moro

OT Jochen weiter: "Ich kann sagen, dass ich mich heute also den Umständen entsprechend zu 100 % frei fühle. Also einfach unabhängig, das was es früher eben nicht so war."

Musik: „Circles“ (Martin Moro)

 

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